Zeitlinien – neu interpretiert

Der „Sala Beckett“, ein Kulturraum, den die Architekten Flores & Prats in Barcelona restauriert und für die Nutzung als Theater, Tanz und Experimente in einen zeitgemäßen Zustand gebracht haben, ist in seinem Inneren von einer außergewöhnlichen Lebhaftigkeit und voll von überraschenden Bezügen und Zitaten zur Geschichte.

Der „Sala Beckett“, ein Kulturraum, den die Architekten Flores & Prats in Barcelona restauriert und für die Nutzung als Theater, Tanz und Experimente in einen zeitgemäßen Zustand gebracht haben, ist in seinem Inneren von einer außergewöhnlichen Lebhaftigkeit und voll von überraschenden Bezügen und Zitaten zur Geschichte. Man könnte ihn auch als Beispiel einer Neudefinition der architektonischen Restaurierung betrachten.

Neunutzung im Geist der Geschichte
Im November 2016 wurde der Bau im Bezirk Poblenou in Barcelona wieder eröffnet. Er befindet sich in der 1920 erbauten Architektur eines Industriegebietes, das bereits durch die olympischen Spiele 1992 große Veränderungen erfahren hat und nun durch die Ansiedlung einer Kreativszene und zahlreicher Künstler zu neuem Leben erwacht. Der Entwurf der Architekten Ricardo Flores und Eva Prats reflektiert die vielen Erinnerungen an die industrielle Vergangenheit des Ortes. Die Beiden sahen ihre Aufgabe nicht in einer Restaurierung im Sinn der Wiederherstellung, sondern eher in einer Neunutzung vorhandener Substanzen und der Adaptierung der Räume, unter Einbeziehung der sich überlagernden Schichten der Zeit. Sie nahmen also das „Ruinöse“ mit in die Zukunft und machten es zu einem Mitspieler in der Architektur. Die große Herausforderung war es, eine Neunutzung zu schaffen ohne den Geist der Geschichte zu verbannen.

Drängender Wunsch nach Unterhaltung
Das Design entwickelt sich aus den räumlichen und dekorativen Qualitäten der existierenden Bauteile und Strukturen. Diese wiederum sind ein Teil der Identität, welche die Stadt Barcelona in der Zeit der aufkommenden Arbeiterbewegung mit ihrem drängenden Wunsch nach Unterhaltung entwickelt hatte. Signifikante Elemente der Geschichte sind sorgfältig erhalten und wieder eingebaut worden – Türrahmen, bunte Fliesen, Fensterrosetten, Ziegelmauerwerk und Stuckverzierungen. Es ist aber keine einfache Wiederverwendung von Zitaten, sondern eine, auf intensiven Studien der historischen Charakteristika beruhende Arbeit, dokumentiert in zahlreichen Zeichnungen und Modellstudien.

Mischung aus Dekadenz, Bohème und Neuem
Die Anmutung der Architektur und der Formensprache ist die des späten Kubismus, vermischt mit Art déco und organischen Elementen. Durch die sichtbar gebliebenen Zeichen des Verfalls bietet sich eine Mischung aus Dekadenz, „Shabby Chic“, Bohème und perfekt Neuem. Dazwischen immer wieder konstruktiv technisch hervorragend gelöste Details wie Deckenauswechslungen, die durch filigrane Tragsysteme gelöst sind. Ganz wichtig war für die Architekten die Lichtführung. So ergeben sich fast magische Momente im Stiegenbereich, wenn sanft gefiltertes Licht von oben die Besucher zu den Aufführungsorten geleitet.

Kontinuität im urbanen Raum geschaffen
Eine Öffnung an der Ecke der Architektur lässt die im Inneren stattfindenden Aktivitäten nach außen sichtbar und zugänglich werden. Die meisten Räume befinden sich auf der Eingangsebene und sind dementsprechend für öffentliche Aktivitäten ausgerichtet, ebenso entsteht dadurch eine Kontinuität im urbanen Raum. Unmittelbar nach dem Eingang gelangt man bereits in eine angenehme, fast häusliche Atmosphäre. Die Besucher können an der Bar einen Drink nehmen oder gemütlich auf Bänken sitzend auf den Beginn der kommenden Performance warten, bzw. ein Ticket kaufen. Natürlich gibt es auch Bereiche wie die Büros oder Umkleideräume, die nicht für die Öffentlichkeit zugänglich sind. Im ersten Stock sind Proberäume situiert sowie der ehemalige Ballsaal. Dieser kann für Workshops und auch als zweiter Aufführungssaal verwendet werden. Durch ein Oberlicht strömt das Tageslicht bis ins Erdgeschoss, betont die Komplexität der Anlage und gibt gleichzeitig das optische Gefühl einer Einheit, eines Ganzen.

So meint auch der Direktor des Sala Beckett, Toni Casares, dass in diesen Raum die Besucher eintreten, atmen, verstehen und fühlen, dass sie keine Konsumenten für ein industrielles Produkt sind, sondern Teil eines Dialoges -Teil dessen, was auf der Bühne präsentiert wird.

Text: Peter Reischer
Fotos: Adrià Goula