Gewinn statt Sinn: Ist die Architektur sinnlos geworden?

Diese Frage bezieht sich auf die 95 (oder mehr) Prozent der Architektur, die auf Hochglanzbildern in den Medien rezipiert wird. Gemeint sind die Bauten der sogenannten Stararchitekten wie Hadid, Gehry oder Prix, die im Monatsrhythmus Museen, Flugplätze oder sonstige Prestigebauten ausstoßen.

Ich denke, dass diese Bauten sinnlos sind, sinnentleert, unnötig und eigentlich eine Schande für den Beruf der Architekten. Kein Mensch braucht sie, nur das System schmückt sich damit und benutzt sie.

Höhlen, Felle und Häute

Diese Ansicht ist in der ursprünglichen Funktion von Architektur – nämlich „shelter“ zu gewähren – begründet. Der Mensch, geboren aus der Höhle des Mutterleibes hat sich vom ersten Erblicken des Tageslichtes an wieder nach Schutz gesehnt. Vor der Natur, vor wilden Tieren und vor Seinesgleichen. Sein erster „Schutz“ waren Höhlen oder Gruben. Seine erste Architektur waren Felle und Häute, die er sich umhängte, langsam distanzierten sich diese vom Körper und er zog sich hinter Wände zurück (siehe die Windschutzbauten in Ostafrika). Mit der Erfindung des Daches geht die Architektur zu den beschirmenden Künsten über und so ist langsam Baukunst entstanden. Einzelne Bauten wurden in Nachbarschaften errichtet – soziale Verbände, Siedlungen, Dörfer und Städte entwickelten sich, aber immer mit dem Zweck Schutz zu gewähren.

Eine Polemik

Wo ist das heute geblieben? Eine Europäische Zentralbank in Frankfurt versinnbildlicht keinerlei Schutzfunktion mehr, sie beherbergt nichts außer (imaginäres) Geld und zeigt nur dessen Macht. Wohnbauten dienen nur dem Gewinn der Investoren, nicht mehr der Wohnlichkeit und dem Schutzbedürfnis der Menschen – dazu sind ihre Preise zu hoch. Flughäfen in Tintenfischform dienen nur noch Funktionen und der Vergrößerung des CO2 Ausstoßes. In China postulierte die politische Führung einen 10-Jahresplan, nach dem die Zahl der Museen landesweit verdoppelt werden sollte – nach fünf Jahren war das Ziel bereits erreicht und die meisten dieser Bauten stehen heute leer, weil es gar keine Exponate dafür gibt, oder sie werden anderweitig verwendet. Nur haben sich viele der westlichen Architekten geradezu darum gerissen, einen Auftrag zu bekommen. Das oft gezeigte MOCAPE Museum mit der sphärischen, parametrisch entworfenen, spiegelnden Kugelform in einer riesigen Halle (so ein gebautes Volumen muss auch bezahlt werden!) ist ein gutes Beispiel. Nicht einmal ihr Schöpfer Wolf Prix konnte in einem Interview genau sagen, welche Funktion diese Kugel eigentlich hat. Entworfen hat er sie aber, welchen Sinn hat also diese Architektur? Dient sie der Selbstdarstellung, der Spielerei, der Allmacht des Architekten oder der Preisung eines Regimes? 

Wider den Maximierungsdrang 

Der Architekt war immer angesehen, er hatte Auftraggeber und baute für die Kirche, für Könige und Herrscher und seine Werke waren dazu bestimmt, Rang und Status oder Ansehen des Auftraggebers in der Gemeinschaft darzustellen. Heute ist der Auftraggeber nur noch das Geld, das Kapital und der Drang, in unserer profitorientierten, dem Maximierungsdrang gehorchenden Gesellschaft zu reüssieren. Die Architektur hat ihren Sinn (in der ursprünglichen Bedeutung von „shelter“) verloren, der Beruf des Architekten und auch Architektur müssen neu definiert werden. Das ist eine gewaltige Herausforderung, denn angesichts der gravierenden Probleme, die wir gerade auf der Erde haben bleibt uns nicht viel Zeit. Allein die Migrationsbewegungen der kommenden Jahre werden zur (auch architektonischen) Herausforderung: Schutz für Millionen von Menschen? Sollen sie in leerstehenden Museen, Flugplatzhallen oder Shoppingmalls wohnen?

Der Anteil der gebauten Architektur am weltweiten CO2 Ausstoß liegt bei ca. 40%. Der Anteil der weltweiten Zementproduktion am CO2 Ausstoß bei 8%. Der Sand, ein wichtiger Bestandteil des Betons wird langsam zur Mangelware, und zwar weltweit. Journalisten, die über die sogenannte Sandmafia in östlichen Ländern recherchieren, werden umgebracht. Wir aber betonieren weiterhin täglich die Fläche von 20 Fußballfeldern in Österreich zu – versiegeln Grünflächen mit Beton! 

Neue Architektengeneration gibt Hoffnung

Architektur muss wieder zum Menschen zurückkehren, sie muss den Menschen in alle ihre Prozesse, von der Entstehung bis zur Nutzung einbeziehen. Sie muss die Ökologie, die Ressourcen unserer Erde genauso schützen, wie sie dem Leben Schutz gewähren soll. Vielleicht ist ein Wandel – der vielbeschworene Change – in Sicht, denn in den täglichen Architekturblogs und -news tauchen in letzter Zeit eher Visualisierungen, Interviews, kleine Projekte wie der Umbau eines Ferienhauses, renovierte Wohnungen, etc. auf. Auch das neue Postgraduate Studium des Studio BASEhabitat an der Uni Linz gibt Hoffnung auf das Entstehen einer neuen Generation von Architekten, die nicht den Gewinn, sondern den Sinn als Aufgabe sehen.

Text: Peter Reischer
Foto: Redaktion