Ob wir noch etwas lernen können?

fioLOOKBOOK Redakteur und Architekturkritiker Mag. arch. Peter Reischer macht sich Gedanken zur Lage der Architektur und der Gesellschaft.

Der Alnatura Campus in Darmstadt vom Architekturbüro haascookzemmrich Studio 2050. Foto: Roland Halbe

Wir lernen nur durch Krisen, von alleine ist der Mensch zu träge, könnte man sagen. Den meisten (Politikern) fehlt ein vorausschauendes Denken und Erfassen von Zusammenhängen und Auswirkungen in einer zeitlichen Achse. Deshalb sind Tatsachen wie Klimawandel, Artenverlust, CO2, Lebenszyklen und Nachhaltigkeit in der Architektur usw. so schwer zu visualisieren und zu begreifen. Es bedarf einer Kraft von außen, damit sich etwas bewegt. „Gib mir einen Punkt, wo ich hintreten kann, und ich hebe die Erde aus den Angeln“, hat schon Archimedes (285 – 212 v.Chr.) gesagt. Es stellt sich nun die Frage, ob dieser Punkt auch ein Virus sein kann oder muss?

Ein Witz…

Es ist schon erstaunlich, wie schnell sich alles durch eine weltweite Bedrohung (Pandemie) ändern kann. Dazu kursiert ein Witz in den Medien: Vor wenigen Monaten ist Türkis-Grün mit dem Motto „Das Beste von Beiden“ in die Regierungsverantwortung gekommen. Bereits jetzt haben beide Parteien ihre wichtigsten Anliegen ohne nennenswerte Proteste durchgezogen: Türkis hat die Grenzen geschlossen und Grün hat den CO2-Ausstoß beim Verkehr um 80% und bei der Industrie um 50% gesenkt. So schnell hat noch nie eine Regierung ihre Wahlversprechen umgesetzt.

…der die Wirklichkeit genau

Was hier spöttisch bis zynisch im Bezug auf den CO2-Ausstoß formuliert ist, trifft jedoch die Wirklichkeiten und Notwendigkeiten unserer Welt haargenau. Wozu uns die Krise jetzt zwingt, was jetzt zur Rettung der Natur, gegen das Aussterben der Insekten, zum Begrenzen des Klimawandels von alleine passiert, sind schon lang von der Wissenschaft und den Forschern geforderte Maßnahmen, nie umgesetzt, maximal halbherzig bei Konferenzen und in diversen Papieren formuliert. Schon zwei Wochen nach Beginn des erzwungenen touristischen Winterschlafes in Venedig schwimmen Delfine im Hafen und in der Lagune Schwäne und Fische.

Wildtiere erobern wieder den städtischen Raum und spazieren über die Straßen von Haifa. Quelle: epa

Was kann nun die Architektur aus der Krise lernen? 

Erstens, dass wir die letzten Jahrzehnte wohl weit an unserem tatsächlichen Bedarf vorbei gebaut haben. Wir haben ziemlich großmäulig Bauten errichtet, für die keine Notwendigkeit bestand (z.B. Europäische Zentralbank und in fast jeder – nicht nur chinesischen – Stadt ein imageträchtiges Riesenmuseum, etc.). Wir haben Hotelkomplexe geschaffen, die eigentlich nur im Zusammenhang mit einer turbogetriebenen Tourismusbranche möglich waren. Wir haben Bürotürme in den Himmel wachsen lassen und versucht durch neu erfundene Finanzierungs/Vermietungskonzepte (Sharing, Clean-Desk etc.) die Flächen zu füllen. Im Jahr 2018 wurden 267.000 Quadratmeter Büroflächen neu geschaffen, 40% davon standen/stehen leer. 

Bescheidener und Resilienter werden

Niemand kann heute mehr die Notwendigkeit von Zweitwohnsitzen im Grünland, von unbewohnten „Anlegerwohnungen“ vertreten. Auch den (Kurz)Urlaub im Ausland, die 2 Wochen Malediven oder Mallorca – das können wir für die nähere Zukunft wohl vergessen: Fliegen ist (zumindest derzeit) abgeschafft. Wie schön ist ein blauer Himmel ohne Kondensstreifen!

Wieso geht jetzt auf einmal ein flächendeckendes Home Office und wozu haben wir dann so viele Büros gebraucht? Wäre das in diese Architekturen investierte Geld nicht vielleicht besser in einer guten Infrastruktur oder in den Ausbau des Gesundheitswesens angelegt gewesen? Oder in den Erhalt von Grünflächen, statt den Europameistertitel in der täglichen Flächenversiegelung anzustreben? Auch da kann die Architektur bescheidener und damit resilienter werden.

Positive Initiativen setzen

Alle Tourismusarchitekturen, Wellnesscenter etc. und auch die Hotels in den meisten Städten stehen leer – unabsehbar für wie lange. Eine positive Initiative ist jedenfalls die Zurverfügungstellung eines sehr großen, schon länger unbenutzten Wiener Hotels (InterContinental) für allfällige Patienten der Coronakrise. Man wird ja sehen, ob das klappt und ob dann nicht aus der Notlage der Menschen wieder Profit in Form von Miete gezogen werden wird. Und zumindest für temporäre Unterkünfte für die Flüchtlinge an den Grenzen Europas könnten diese überall leer stehenden Beherbergungsbauten verwendet werden, statt diese Menschen in Anhaltelagern auf griechischen Inseln verrotten zu lassen.

Nicht länger am Bedarf vorbeibauen

Aber nicht nur mengenmäßig, auch in der materiellen Ausführung der Architektur haben wir am tatsächlichen Bedarf vorbeigebaut. Warum immer neue Hightech-Materialien, immer größer, höher, effizienter? Es ginge auch einfacher mit einem Bruchteil des für derartige Riesenprojekte benötigten CO2 Ausstoßes. 

Fliesen, Holz, Lehm, Stroh, Ziegel sind Materialien, die aus der Natur kommen, nachhaltig und ökologisch sind und trotzdem eine ästhetische, kreative Architektur entstehen lassen, wie das Foto des Alnatura Campus in Darmstadt vom Architekturbüro haascookzemmrich Studio 2050 belegt. Auch Wohnbauten – sofern man sie wirklich benötigt und nicht mit ohnehin vorhandenem Wohnraum den Bedarf abdecken kann – ließen sich in Holzbauweise und mit Lehmwänden jederzeit herstellen. Vielleicht werden damit keine neuen Höhenrekorde erstellt, aber das wird wohl kein Problem mehr sein. Das Streben unserer derzeitigen Architektur und der meisten Architekten nach bombastischen Bildern entspricht genau unserem Luxusanspruch und einem vermeintlichen Recht auf höher, besser und mehr.

„Degrowth“ als Tatsache akzeptieren

Es gibt Stimmen, die einen Rückgang des Wachstums für unabwendbar halten – sei es „by design“, also eben demokratisch und sozialverträglich gestaltet, oder „by desaster“ – das wäre der momentane Zustand. Die Forderung nach diesem „Degrowth“ schwebt nicht mehr im Raum, er ist bereits so gut wie Tatsache. Immer mehr Vertreter dieser Bewegung, wie der Wirtschaftswissenschafter Giorgos Kallis meinen, dass sich auch jetzt noch aus dieser konkreten Utopie die Kraft organisieren lässt, einen demokratisch und sozialverträglich gestalteten Wandel unter Berücksichtigung der Bedürfnisse aller einzuleiten. Die Notwendigkeit einer resilienten Ökonomie – die im Gegensatz zum wirtschaftlichen Effizienzstreben steht – wird seit Jahren von diversen Um- und Vordenkern gefordert. Der ständige Verlust an Naturräumen, die schwindende Artenvielfalt (25% weniger Insekten in den letzten Jahren) und das Wohlstandsmodell unserer Gesellschaft haben einen kausalen, wissenschaftlich fundierten Zusammenhang mit der Coronakrise. 

Kein „nachher wie vorher“ anstreben

Weg Nach dieser Krise wird wahrscheinlich nichts mehr so sein wie vorher. Wir werden unseren Lebensstil umstellen und auch in der Architektur die Wünsche und Vorstellungen anpassen müssen. Eine Reduzierung unserer Ansprüche, unseres Lebensstandards wird unumgänglich sein. Ein, wenn auch stufenweises,  Hochfahren unserer Wirtschaft und das Denken an ein „nachher wie vorher“ wird wohl der falsche Weg sein.

„Small is beautiful“ hat schon Ernst Friedrich Schumacher (1911 – 1977) propagiert, wahrscheinlich wird er recht behalten, denn Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind (Albert Einstein 1879 -1955). 

Sie erreichen Mag. arch. Peter Reischer unter p.reischer@gmx.at