Neue Second Hand-Kleider

Die Kunstbiennale Venedig ist immer eine Reise wert, viel Neues gibt es dort für Interessierte zu sehen. Neben Installationen, Bildern, Skulpturen konnte man heuer auch Second Hand-Kleider aus Fliesen bewundern. 

Das Projekt der aus der Ukraine stammenden Künstlerin Zhanna Kadyrova versucht Verbindungen zwischen Architektur und Mosaik aufzuzeigen. Beide Sparten sind in Venedig ja allgegenwärtig. 

Das Second Hand-Projekt in Venedig begann schon 2014 in Sao Paulo, wo Kadyrova aus den 70er Jahren stammende Fliesen in Altwarengeschäften fand. An verschiedenen Orten in der Stadt und zeitgleich antwortet Kadyrova mit ihren Arbeiten auf sowohl architektonische wie auch soziale Erinnerungen verschiedenster Gruppierungen. Die Galleria Continua stellte ihre Arbeiten während der Kunstbiennale aus und auch an anderen Stellen der Lagunenstadt waren die Objekte zu sehen. Die Künstlerin verwendete Fliesen um daraus Kleider, Bettzeug und stoffliche Objekte herzustellen. Einige der Stücke hingen an Wäscheleinen an der Rückseite des Hauptpavillons und durch die Fenster vermeinte man, in Alltagsszenen des täglichen Lebens zu blicken. 

Verblüffte Kunden am Markt

Seit 2014 sammelt sie alte Fliesen und Bruchstücke und stellt immer wieder öffentlich daraus gefertigte Objekte zu Schau: Bananen aus gelben Fliesen, Zucchini aus grünen und Auberginen aus blauen Teilen, zur Verblüffung von Kunden an Marktständen. 2017 produzierte sie ein Kleid für ein Mannequin in Tschernobyl und dekorierte damit eine Busstation. Die in Venedig 2019 verwendeten Fliesen stammen aus einer Filmkopieranstalt in Kiew.

Die Widerstandskraft der Fliese

Die Ukraine, das Heimatland von Kadyrova hat eine lange Tradition in der Fliesenherstellung. In bisherigen Projekten hat sie Fliesen aus Bauten der ehemaligen Sowjetära benutzt, um damit Erinnerungen an den Stil der 60er und 70er Jahre der sowjetischen Mode zu wecken. Das Projekt begann sie, bevor man in der Ukraine anfing, alle (architektonischen) Spuren an die sowjetische Vergangenheit zu beseitigen. Aufgrund ihrer Materialität besitzen Fliesen, gefärbtes Glas oder Mosaikteile eine starke physische Widerstandskraft gegen die Auswirkungen der Zeit. Meist mehr als die Architektur, in der sie sich befinden oder befanden. So spricht die Künstlerin den Widerspruch zwischen Vergänglichkeit und Bestand an – die Betonbauten der Vergangenheit verschwinden, die Dekore (mit ihrer Verherrlichung von Arbeit und Fortschritt) sind unzerstörbar.

Text: Peter Reischer

Fotos: Christian Vorhofer, Ela Bialkowska, Nestor Kim