Höchste Zeit für ökologische Baustoffe!

An dieser Stelle schreibe ich seit einigen Jahren über die Dinge, die mich auch abseits der Architektur und dem Schreiben beschäftigen. Eines ist das unbestimmte Gefühl, dass uns Politiker, Wissenschaftler, Zukunftsforscher, Soziologen etc. – also alle Personengruppen, die sich mit der Zukunft, mit unserer und der des Planeten Erde befassen – belügen. Sie sagen uns die Unwahrheit, schon seit Jahren. Kann es sein, dass sie schon lange und ganz genau wissen, dass der Kampf gegen die Klimaerwärmung verloren ist? Dass sie nur noch Durchhalteparolen und Scheinhoffnungen aufrechterhalten? Damit sage ich natürlich, dass wir uns auch selbst belügen und die Dringlichkeit unserer Probleme nicht wahrhaben wollen.

Zeit ist ein Phänomen, sie ist unfassbar, auch teilweise unvorstellbar. Das ist ja auch der Grund, warum Menschen nichts mit der Tatsache einer Klimaerwärmung von zwei oder mehr Graden in 10 oder 20 Jahren anfangen können. Die Komplexität einer derartigen Prognose, eines derartigen Prozesses und deren Auswirkungen auf Ökosysteme, Migration, Klimakatastrophen etc. sind schwer vorstellbar. Vor allem für diejenigen, die nur an das Momentane denken, daran wie sie ihre Macht erhalten, Lobbys weiter befriedigen und dem monetären Profit huldigen können. 

Neulich habe ich im Radio einen Vertreter des Handels gehört, der zur (notwendigen) Einführung eines Pfandes auf Plastikflaschen folgendes äußerte: „Frühestens 2023 kann der Handel ein derartiges Pfand einführen!“ Wir ersticken in Plastik, jeder weiß, dass die Überproduktion von Plastik ein Riesenproblem ist und wie es die Umwelt verschmutzt. Und wir (der Handel) wollen noch zwei Jahre weitermachen wie gewohnt? Welche Vernunft, welche Motivationen stecken dahinter? Kann doch eigentlich nur das Geld und der Verlust einiger Prozente des Profites sein. Ein Haus brennt, aber wir warten, ob es vielleicht nächstes Jahr regnen und es dann gelöscht wird. Schlimmer ist es noch bei den Sprechblasen der Politiker, wenn sie die – schon mit Geschick und künstlich in die Zukunft lizitierten – Ziele der Begrenzung des Schadstoffausstoßes um weitere 10, 20, 30 Jahre verschieben. Der kommende Klimagipfel dient eigentlich nur dem Verbrauch von Kerosin und dazu, einigen Personen einen Städteflug nach Glasgow zu ermöglichen.

Aber auch die Architektur tut das ihrige, um nichts zu verändern. Seit 40 Jahren warnen die Wissenschaftler vor dem Klimawandel. Lobbys wie Zementindustrie, Styroporerzeugung etc. haben immer mehr und abenteuerlichere Argumente um dagegen zu reden und zu verharmlosen: Am Anfang war es nur das sogenannte ‚greenwashing‘, heute redet man von ökologischem Zement, Beton kühlt und ist wohnlich, Styropor ist 100 % recycelbar, praktisch, langlebig, kostengünstig, massentauglich. Styropor ist alterungsbeständig und verrottungsfest – man hat ein Produkt, das 100 Jahre funktioniert. Aber will oder braucht man das? Ja es ist verrottungsfest, kann also niemals in den natürlichen Kreislauf retourniert werden – ganz im Gegensatz zur keramischen Fliese, übrigens! Der ‚Earth Overshoot Day‘ ist jedes Jahr ein paar Tage früher  – 2020 war er am 29. Juli. Seit diesem Zeitpunkt leben wir auf Kredit.

Ende 2020 wären die neuen schärferen Klimaziele, zu denen sich (fast) alle Vertragsstaaten des Pariser Klimaabkommens verpflichtet hatten, vorzulegen gewesen. Doch nicht einmal die Hälfte der Staaten reichte neue Klimaschutzziele ein, auch Österreich nicht. Damit aber steuert die Welt auf einen Klimawandel durch eine globale Erwärmung um etwa drei Grad zu, so die Vereinten Nationen im Jänner 2021. Das angestrebte Ziel von zwei Grad oder gar ‚nur‘ 1,5 Grad Erderwärmung gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter scheint bislang nicht erreichbar. Das sind Fakten und das meine ich damit, wenn ich sage: Wir lügen uns in die eigene Tasche. Jedem Politiker ist klar, dass wir es so nicht schaffen, den Planeten vor dem Kollaps zu retten. Eigentlich dürfte kein Architekt es mehr mit seinem Gewissen vereinbaren können, Bauten wie bisher zu errichten, weiter auf Beton, Stahl, Dämmstoffe aus Erdöl etc. zu setzen. Keramische Fliesen und Platten können dem übrigens etwas entgegensetzen – ein guter Grund, für diesen Baustoff eine Lanze zu brechen.

Aber es ist eben nicht opportun die Wahrheit zu sagen, das kostet vielleicht Wählerstimmen und Aufträge. Und die Wähler, das heißt WIR wollen lieber gute Nachrichten als schlechte. Also betrügen wir uns mit dem Glauben, dass wir (vielleicht) 2050 energieneutral sein werden, oder auch später? Dass ein ‚bisschen weniger schädlich‘ schon ein Beitrag ist und wir Zeit (wofür?) gewonnen haben. Nur: dann ist es sicher schon zu spät, denn so viel Zeit haben wir nicht mehr.