Fliesen in der Architektur

Peter Reischer sprach mit DI Anita Wolf, gerichtlich beeidete Sachverständige für Bauchemie und im Vorstand des Europäischen Fliesenverbandes sowie technische Leiterin des Österreichischen Fliesenverbandes, über die Anforderungen und Tücken von Fliesen und deren Verlegung.

Peter Reischer sprach mit DI Anita Wolf, gerichtlich beeidete Sachverständige für Bauchemie und im Vorstand des Europäischen Fliesenverbandes sowie technische Leiterin des Österreichischen Fliesenverbandes, über die Anforderungen und Tücken von Fliesen und deren Verlegung.

Frau DI Wolf, der Österreichische Fliesenverband ist das Bindeglied zwischen Industrie und Verleger. Gibt es da eine direkte Kommunikation, eine Know-how-Vermittlung?

Natürlich! Wir versuchen der Industrie unsere Ansichten zu vermitteln und bereits bei der Entwicklung von neuen Produkten unsere Vorschläge für einen fachmännischen Einbau mit ein zu bringen. Mittlerweile haben wir knapp 30 Industriepartner aus sämtlichen Schnittstellenbereichen der Fliesenverlegetechnik.

Warum geht die Informationskette nicht von Ihnen zum Fliesenleger und weiter zum Planer?

Weil die Planer uns viel zu wenig in die Arbeit einbinden. Der Fliesenleger ist meist das letzte Gewerk, das auf der Baustelle auftaucht. Bis dahin ist oft schon viel zu viel schiefgegangen. Er kann dann meist nur mehr sagen, dass eine normgerechte Ausführung gar nicht mehr möglich ist, weil Höhen nicht berücksichtigt wurden, das nötige Gefälle nicht vorhanden ist, unpassendes Material gewählt wurde, usw. Leider schaffen wir es derzeit kapazitätsmäßig nicht, die Planer besser zu erreichen. Obwohl wir bereits einige technische Büros haben, die sich bei uns beraten lassen.

Worauf sollte man bei der Auswahl der Fliesen für Bäder oder Projekte besonders achten?

Das um und auf ist, einen geeigneten Fachbetrieb für diese Arbeiten auszuwählen. Es ist nicht maßgeblich, ob Großformate oder Mosaikfliesen gewünscht sind. Wichtig ist, dass für die Verlegung ein gutes Fachpersonal genommen wird. Die technischen Anforderungen sind heute so komplex, dass ich nur ausgebildete, gute Betriebe empfehle. Der Fachmann kümmert sich dann um Anforderungen an die Rutschklassen oder die Reinigung der Fliesenbeläge, bzw. ob gesetzliche Voraussetzungen zu beachten sind, oder aber um die Anpassung des Materials an örtliche Gegebenheiten, wie z.B. ob durch große Glasflächen thermische Beanspruchungen auftreten, können o.ä.

Ist das Fliesenlegen nicht durch die Normen und Gesetze ohnehin genügend abgedeckt?

Ganz und gar nicht. Wir überarbeiten derzeit die aktuell gültige Fliesenlegernorm ÖNORM B 3407 und es geht der Trend eigentlich dahin, dass in den Normen nur mehr Grundstandards enthalten sind. Alles, was es heute bei Sonderlösungen und deren Konstruktionen zu beachten gilt, ist in keiner Norm geregelt. Der Gesetzgeber sagt uns eigentlich klar: „Regelt mit den Merkblättern und Regelwerken den aktuellen Stand der Technik!“ Die Norm gibt nur einen Mindeststandard vor. Wer die Normung kennt, weiß, dass Änderungen hier sehr viel Zeit kosten. Wenn von der Industrie etwas Neues auf den Markt kommt, braucht der Markt aber schnelle Informationen und Verlegeempfehlungen. Das ist nur mit technischen Merkblättern möglich.

Wie schnell geht denn die Innovation am Fliesenmarkt? Geht sie in Richtung Technik oder Formate?

Sowohl als auch! Bei den Größen wird momentan mehr an den Stärken der Platten geforscht, seitens der Klebstoffindustrie passiert auch sehr viel. Ein Thema sind die vielen Bodenab- und -einläufe in den Sanitärräumen. Duschrinnen überschwemmen momentan den Markt, und jetzt geht es um die Einbindung dieser Produkte. Auf der Homepage schaut das immer toll aus, wenn eine Duschrinne mit LEDs beleuchtet ist. Nur: wie bindet der Fliesenleger marktfremde Designprodukte in die Abdichtung ein? Oder eine Beleuchtung direkt im Duschbereich? Es gibt keine Lichter, die einen Dichtflansch rundherum haben. Das sind alles optisch tolle Dinge, aber es gibt wenig technische Lösungen dafür und das bereitet der Verlegerschaft Probleme.

Was bedeutet auf der HP des Fliesenverbandes: Mitbewerbervergleiche?

Wir haben die Möglichkeit Laborprüfungen zu machen, Prüfzeugnisse auszustellen. Wenn es z.B. eine neue Bodenrinne mit Flansch am Markt gibt, dann testen wir alle Klebstoffe mit dem Produkt aus. Wir stellen fest, ob man in der Praxis damit arbeiten kann. Wir arbeiten auch auftragsmäßig für Firmen, haben allerdings aktuell nur eine geringe Kapazität dafür.

Auf Ihrer HP gibt es ein Downloadformular als Vereinbarung beim Kauf von Fliesen. Sie empfehlen, dies vor jedem Projekt zu unterschreiben zu lassen. Darin werden „optische Veränderung bzw. Verfärbung der Fliese aufgrund Wassereintritts in bzw. unter die Glasur, auch wenn sie nicht dauerhaft ist oder nur bei Kontakt mit Wasser auftritt, als Mangel“ definiert. „Dies gilt auch bei geschnittenen und angebohrten Fliesen.“ Wieso soll ein Planer oder Fliesenleger vor dem Produktkauf eine derartige Vereinbarung unterschreiben lassen, ist das nicht in den Normen und Gesetzen geregelt?

Wir müssen davon ausgehen, dass wir es mit einem Handwerker zu tun haben. Der hat seine Ausbildung, den Meister und eine kleine kaufmännisch rechtliche Ausbildung, aber Schriftstücke und Vereinbarungen aufzusetzen – das macht er erst nach der ersten Klage und Schäden. Es gibt eine ganze Menge weiterer, solcher Vereinbarungen, denn der Häuslbauer ist nicht mehr so wie vor 50 Jahren. Damals hat er den Handwerker angerufen und ihn gebeten, den Fehler reparieren zu kommen. Wir leben im Zeitalter der Rechtsschutzversicherungen. Heute kommt der Brief vom Anwalt und es werden nicht nur Schäden geklagt, sondern auch Mängel und sogar die Vermutung, dass irgendwann ein Schaden entstehen kann. Zu dem von Ihnen zitierten Schriftstück ist zu sagen, dass wenn ich mir heute eine weiße Fliese für meine Dusche kaufe, ich davon ausgehe, dass sie die bedungenen Eigenschaften für einen Einsatz im Nassraum mit sich bringt. Das ist zum Beispiel ein Graubereich, für den es keine Prüfkriterien gibt. Hier helfen wir mit Absicherungsschreiben. Generell beschäftigen uns Verfärbungen von Keramiken auch im Europäischen Fliesenverband.