Die Farbpäpstin

Eine Kollektion als Versuch: Die Fliese ist schon längst nicht mehr nur eine Oberfläche im architektonischen Bereich, sondern hat sich in letzter Zeit zum Design-Projekt entwickelt. Viele Fliesenhersteller sehen sie nicht nur als Material, sondern als künstlerische Kombination zwischen Handwerk, Technologie und experimenteller Innovation. Sie überschreiten die Grenzen des Materials, sind auf der Suche nach neuen Qualitätsprodukten. Dabei ist die Zusammenarbeit mit Designern unabdingbar

Eine Kollektion als Versuch: Die Fliese ist schon längst nicht mehr nur eine Oberfläche im architektonischen Bereich, sondern hat sich in letzter Zeit zum Design-Projekt entwickelt. Viele Fliesenhersteller sehen sie nicht nur als Material, sondern als künstlerische Kombination zwischen Handwerk, Technologie und experimenteller Innovation. Sie überschreiten die Grenzen des Materials, sind auf der Suche nach neuen Qualitätsprodukten. Dabei ist die Zusammenarbeit mit Designern unabdingbar.

Die in Holland geborene Designerin Hella Jongerius entwarf für den italienischen Hersteller Mutina die Architekturfliesenkollektion Diarama. Bei der Entwicklung der Farbreihen ging sie wie beim Malen vor, wenn man auf Leinwände verschiedene Farben übereinander aufträgt. Diese Körperfarben erscheinen nicht als reine Farbfläche, die Farben verändern durch die Mischung ihre Reflexion, das Erscheinungsbild und die Struktur der darunterliegenden Leinwand tragen auch wesentlich dazu bei. Vorbilder wie Robert Delaunay, Josef Albers und Paul Klee sind unverkennbar. Die Tonalität der Serien trägt dazu bei, dass alle Ergebnisse miteinander harmonieren.

Farbstudie auf keramischem Material

Die Designerin verwendete nun eine Reihe Fliesen mit jeweils unterschiedlich gefärbten Tonen und applizierte die Glasuren darauf. Die Oberfläche wird aber nicht zur Gänze mit Glasur bedeckt, sondern zirka in der Mitte bleibt ein Tonstreifen unglasiert. Links und rechts davon sind die gleichen Farben aufgetragen und der Reiz entsteht durch den Kontrast von unglasierter und glasierter Oberfläche. Die Kollektion teilt sich in zwei große Gruppen, hell und dunkel und sie ist eher ein Farbprojekt als ein Designprojekt. Es gibt in ihr 12 chromatische Referenzen und ebensoviele Glasuren. Jede Gruppe besteht aus sieben verschiedenen Tonfarben auf denen die aufgebrachten Glasuren unvorhersehbar reagieren und so immer neue Nuancen hervorbringen. Man könnte auch sagen, es ist eine Studie reiner Farben, die auf keramischen Grundmaterialien aufgebracht dann gebrannt werden und nun wie eine zweite Haut die Persönlichkeit der Fliese durchscheinen lassen. Dazu die Gedanken von Hella Jongerius:

Sie haben sich schon öfters den Angeboten diverser Museen, ihre Arbeiten auszustellen, verweigert. Warum?
Eine Retrospektive meines Tuns interessiert mich nicht. Lieber will ich Zeit für die Forschung und Erforschung der Farben verwenden, dadurch auch einem breiteren Publikum eine neue Sichtweise auf Farbigkeit vermitteln und vielleicht können diese Ergebnisse dann auch meine zukünftigen Arbeiten beeinflussen.

Was fasziniert sie an den Farben?

Farben haben mich schon mein ganzes Leben lang fasziniert. Wenn ich nun versucht habe, mit Fliesen eine neue Farbigkeit zu initiieren, ist das nicht der banale Versuch, ein Objekt, einen Gegenstand zu modernisieren, sondern das heutige Leben in den Gegenstand zu bringen. Ich will damit dem Betrachter eine neue Sichtweise ermöglichen. Die Frage nach meiner Lieblingsfarbe (wie sie regelmäßig von Medien gestellt wird) finde ich banal und oberflächlich. Als Designer arbeite ich schließlich nicht für mich, sondern für andere Menschen.

Sind Sie sich immer sicher über die Resultate, oder beziehen Sie das Scheitern auch mit ein?

Für mich ist das Unperfekte ein größerer Reiz als das Perfekte. Die meisten Designer versuchen mit mehr oder weniger Aufwand eine perfekte Form, einen perfekten Radius oder eine vollkommene Oberfläche bei ihrem Produkt zu erreichen. Dieser Drang nach Perfektion bestimmt auch die Sprache des Modernismus. Die Arbeit mit dem Unperfekten ist schwieriger und trügerischer.

War es für Sie ein logischer Schritt, ihre Farbversuche auch auf dem Material Fliese zu versuchen?

Ja, denn die Fliese, der Ton oder das Porzellan als Material ist fast wie etwas Lebendiges. Beim Brennen unter hohen Temperaturen verändert sich seine Größe, seine Struktur und damit auch seine Farbigkeit beziehungsweise seine Fähigkeit, Farben zu reflektieren. Hier tritt das Unvorhersehbare in den Prozess ein und ermöglicht die Nichtperfektion. Kleinste Unterschiede in der Zusammensetzung können deutliche Auswirkungen im Endprodukt haben. Diese Instabilität bereichert das Objekt.

Gibt es etwas, das Sie bei Farben vermissen?

Ich vermisse Farben, die unter der Wirkung des Lichtes atmen. Ich vermisse bei industriell gefertigten Farben und Produkten die Lesbarkeit und die Möglichkeit einer Wiederinterpretation, so wie wir es mit Kunstwerken erleben können.

Wie stehen Sie zu dem Zwang unserer konsumorientierten Welt, ständig Neues zu kreieren?

Angesichts des sich ständig wiederholenden Rhythmus der internationalen Messen zeigt sich deutlich, dass eigentlich nichts Neues mehr erfunden wird. Es ist die Zelebrierung von Variationen der Variation. Die Designbranche lebt aber von dieser Sucht nach Neuem, gleichzeitig trägt sie den (ethischen) Anspruch vor sich her, mit einigen Produkten die Welt zu verbessern, vergrößert jedoch nur den Berg des Abfalls, der unsere Welt vernichten wird.

Sie werden auch als „Farbpäpstin“ bezeichnet. Wie gehen Sie mit dieser Zuschreibung um?

Ich benutze meine Stimme in der Fachwelt, um auf die Möglichkeiten der Farben aufmerksam zu machen. Ich will niemanden zu einer Farbharmonie erziehen. Ich will dem Betrachter eine neue Sicht auf das, was er als gleich erachtet, bieten. Ein Rot am Morgen ist nicht dasselbe Rot wie abends. Farben sind sehr subjektiv. Auf jeder Oberfläche, unter verschiedenem Licht oder auch Sichtwinkel verändern sie sich. Das macht Farben mysteriös und sich ständig wandelnd. Mein Anspruch ist es, ein neues Farbvokabular als Reaktion auf die flache, globalisierte Farbwelt der Industrie zu entwickeln. Dazu muss man das volle Potenzial der Farbe zelebrieren.

Text: Peter Reischer
Produktfotos: Mutina oder Jongeriuslab
Portraitfotos: Matteo Pastorio