Der sinnliche Reiz im Raum

Der junge Designer Adam Nathaniel Furman sagt von sich selbst: „Ich bringe zu gleichen Teilen Freude, Farbe und Vergnügen, genauso wie kritisches Abwägen, Reflexion und Tiefe in alles, bei dem ich das Glück habe, involviert zu sein.“

Auch der Schal von Adam Nathaniel Furman ist ein Statement: Mut zur Farbe.

Seine Arbeiten erforschen die Beziehungen zwischen Erinnerung, Imagination, Geschichte und Kommunikation in verschiedensten Maßstäben. Immer mit einem kritischen Blick auf die Art, wie eine sinnliche Architektur den Dialog mit der Vergangenheit und der Zukunft bewältigt und die komplexen Herausforderungen von Form, Farbe und Umwelt meistert. 

Tradition als Triebfeder

Für den aus Argentinien stammenden Designer mit japanischen und israelischen Wurzeln, ist dieser multikulturelle Hintergrund eine wichtige Triebfeder. Die Balance zwischen Fortschritt, Positivem, Erinnerung und Vergessen, dem Ephemeren und dem Modischen, dem Ewigen und dem Unveränderlichen sind die Antriebe für seine Arbeit und sein Design, das den momentanen Zustand unserer Zeit reflektiert. Im Rahmen des London Design Festival 2017 (Design Junction) zeigte er ein Projekt, das die Tradition der türkischen Keramik würdigte. Beim Durchschreiten der mit Fliesen verkleideten Bögen am King’s Cross Granary Square, durchlebte man eine Reise durch Zeit, Stilepochen und Modeströmungen: vom ottomanischen Reich bis zu den innovativsten Produktionen der Gegenwart.

„Die Fliese ist beides: Sie gehört zu ältesten Materialien, die man seit Tausenden von Jahren benutzt, gleichzeitig macht sie sich die neuesten Technologien zunutze und saugt auch die letzten Trends in der Ästhetik und im Design auf.“

Adam Nathaniel Furman.

Derzeit vollendet er ein weiteres Projekt mit Fliesen für die Entbindungsstation des Chelsea & Westminster Hospital in London. Man kann schon an den Bildern sehen und sich vorstellen, welch einen positiven Effekt diese Farbigkeit auf die Patientinnen haben kann oder wird. Mittlerweile ist es ja sogar wissenschaftlich bewiesen, dass Farben und Fröhlichkeit einen wichtigen Beitrag zu der Genesung von Kranken leisten können.

Eine Reise durch die Zeiten, vom ottomanischen Reich bis in die Gegenwart.

Peter Reischer unterhielt sich mit Adam Nathaniel Furman über seinen Zugang zu Fliesen, Raum und die Verbindung zum Menschsein.

Wie hat Sie bewogen, bei ihrer Installation am Granary Square Fliesen zu verwenden?

Ich wollte immer schon einmal großformatige Arbeiten mit Fliesen verkleiden. Mehrere Male habe ich mich beworben, bin aber immer gescheitert. Ich hatte auch schon lange gehofft, einmal für den Kunden der Gateways, Turkish Ceramics, arbeiten zu können. Als schließlich die Gelegenheit kam, an einer derart prominenten und perfekten Stelle, habe ich diese monumentale Intervention vorgeschlagen. Sie präsentiert vollständig die Kraft und die Ausstrahlung der Fliese in einem öffentlichen, architektonischen Maßstab.

„Fliesen sind ein Material, das die Vergangenheit mit der Zukunft verbinden kann.“

Gibt es bei Ihren Arbeiten eine zweite Ebene, eine philosophische Begründung?

Ja, die gibt es! Ich glaube, dass Materialien existieren, die die Vergangenheit mit der Zukunft in Verbindung bringen können. Die Fliese ist beides: Sie gehört zu ältesten Materialien, die man seit Tausenden von Jahren benutzt, gleichzeitig macht sie sich die neuesten Technologien zunutze und saugt auch die letzten Trends in der Ästhetik und im Design auf.

Was bedeuten Fliesen für Sie?

Fliesen sind für mich eines der kostengünstigsten, dauerhaftesten, aber auch wunderschönsten Materialien für nachhaltige Dekorationen und Ornamente im Raum.

Was sagen Sie zu Fliesen in der Architektur?

Dass wir fast schon vergessen haben, wie schön, reich, fröhlich und dekorativ sie sein können. Zu viele Architekten benutzen sie in einer Art und Weise, dass man kaum noch weiß, ob es Fliesen sind. Sie wirken oft wie Aluminium oder ein ähnlich flaches Material. Ich glaube, dass man die Fliese wieder promoten muss, um einen Hauch von Fröhlichkeit und Sinnlichkeit in unsere Bauten zu bringen. Außerdem sind sie gebrannt, halten ewig und sind damit eine nachhaltige Investition. 

Warum benutzen Sie immer leuchtende und kräftige Farben in ihren Projekten?

Ich glaube, dass Gebäude und Räume Momente einer sinnlichen Erbauung beinhalten sollen. Das ist ein bisschen wie das Dessert nach einem Abendessen, wie ein Pudding oder eine Eiscreme. Architektur sollte auch Dekoration haben und ein Erlebnis sein, das die Sinne reizt und Spaß macht. Ich mache das eben mit einer Palette von Farben und Mustern, die – wenn sie in Harmonie und Ausgeglichenheit mit der Umwelt stehen – diese Art von Reiz auslösen.

Stellen Sie den Menschen als Empfänger dieser Reize in den Mittelpunkt ihrer Arbeit? 

Ja, absolut! Es ist das Gefühl einer Berührung, eine visuelle Freude und Imagination, die ich in den Menschen erwecken will.

Was halten Sie von Ornament und Mustern in der Architektur?

Ich denke Ornamente können uns auf den Boden runterbringen, indem man dem Gehirn etwas Statisches, aber Schönes und Komplexes gibt, um so eine Verinnerlichung, eine Beruhigung zu erzielen. Eine Methode, um Freude und Bedeutung in unserer Umwelt zu transportieren, aber ohne ein intellektuelles „Training“ für die Wahrnehmung vorauszusetzen. Es verlangt auch keine Interaktion, sondern regt einfach die Sinne und den Körper an.

Fotos: Gareth Gardner
Portrait: Theo Deproost
Interview: Peter Reischer