Das Entwerfen von Fliesen

Wenn Künstler oder Designer Fliesen entwerfen sollen, denken sie meistens an Oberfläche, Dekor und Gestaltung, seltener schon an Verlegemuster und fast nie an die Form. Warum auch, die Fliese ist in unserem Denken als eine rechteckige oder quadratische Fläche eingeprägt, fast ein Archetyp. Fliesen sind eben so! 

Peter Bilak, Künstler, Gestalter, Typograph und Fliesendesigner in seinem Atelier.

Dass man diese Aufgabe jedoch auch komplett anders angehen kann beweist der Zugang, den Peter Biľak für eine neue Kollektion von Zementfliesen gewählt hat. Biľak ist ein 1973 in der Slowakei geborener Grafiker, Designer und Schriftgestalter und lebt heute in den Niederlanden.

[…] es geht nicht um eine einzelne Fliese, sondern wie sie in ihrer Gesamtheit wirken und wie sie sich gegenseitig unterstützen.

Peter Bilak

Er hat zahlreiche Fonts und Schriften entwickelt und betreibt in Den Haag das unabhängige, 1999 gegründete Schriftenlabel Typotheque. 2000 hat er das Magazin Dot Dot Dot ins Leben gerufen und seit einigen Jahren lehrt er auch an der Royal Academy of Art/Den Haag und der Art Academy Arnhem. Peter Reischer sprach mit ihm über den Weg vom Font zur Fliese.

Peter Biľak, worin sehen Sie die Verbindung von Fliese zur Typografie?

Mein Beruf ist zwar mit „Schriftdesigner“ (Typograf) definiert, aber in Wirklichkeit gestalte ich Texte. Typografie ist in Abgrenzung zu Kalligrafie, Schreiben oder Schriftentwurf das Gestalten mit vorgefundenem Material. Das ist ein kleiner, aber wesentlicher Unterschied, denn bei der Gestaltung eines Textes muss ich mich darauf konzentrieren und auch antizipieren, was ALLE Schriftzeichen tun, nicht nur auf die ideale Form und Gestalt EINES Buchstabens. Der britische Schriftgestalter Matthew Carter hat das folgendermaßen ausgedrückt: „Eine Schrift ist eine wunderschöne Gruppe von Buchstaben, nicht eine Gruppe wunderschöner Buchstaben.“

Mit den Fliesen ist das ähnlich – es geht nicht um eine einzelne Fliese, sondern wie sie in ihrer Gesamtheit wirken und wie sie sich gegenseitig unterstützen.

Von der einfachen Form zur Addition.

Buchstaben sind meistens schwarz, Fliesen färbig. Wie gehen Sie den Weg von Schwarz zur Farbe?

Typografen sehen einen Text nicht als „schwarz“, sondern sie beschreiben oft eine spezielle „Farbe“ des Textes. Sie sehen verschiedene Schattierungen, basierend auf der Dichte der Buchstaben und der Interaktion mit den Zwischenräumen derselben. Schriftentwickler versuchen eine einheitliche und gleichmäßige Textur der Schrift zu gestalten, etwas wo kein einzelner Buchstabe herausragt oder -sticht. Das ist dasselbe bei den Fliesen.

Wann sind Sie zum ersten Mal auf den Gedanken gekommen, Fliesen zu entwerfen?

Vor ein paar Jahren haben wir in Den Haag ein Haus gekauft und mussten es komplett renovieren. Zur selben Zeit verbrachte ich einige Zeit in Mallorca, wo ich Biel Huguet kennenlernte, den Besitzer eines familiengeführten Unternehmens für die Produktion von Zementfliesen. Wir sind ins Gespräch gekommen und das endete mit einem Vorschlag von mir, eine neue Fliese zu entwerfen. Wir machten den Prototyp für unser neues Haus mit dem Gedanken, dass er dieselbe Fliese auch an andere Kunden zu verkaufen könnte.

Fliesen fügen sich, wenn ihre Muster über eine Fliese hinausreichen, oft auch zu ganzen Fliesenteppichen zusammen. Warum haben Sie nur ein Stück entworfen?

Ich war von den Variationen der Grundform fasziniert, wie sie sich drehen ließ und dabei neue Varianten und Muster entstanden. Deshalb war mein Vorschlag, nicht einen dekorativen Aspekt der Fliese neu zu entwerfen, sondern eine einzigartige Umrissform, die in der Addition ein dekoratives Muster erzeugt. Und bei der die Fliesenfüllung aber ebenso eine Rolle spielen sollte.

Zementfliesen und Parkett vertragen sich auch gut.

Ist Ihre Philosophie „small is beautiful“ oder streben Sie die Reduktion auf das Wesentliche an?

Üblicherweise versuche ich allen Ballast zu entfernen und nur eine Essenz neu zu gestalten, also eher das Zweite.

Interview: Peter Reischer
Fotos und Skizzen: Peter Biľak