Baden unter dem Mount Fuji

Archäologische Ausgrabungen legen nahe, dass die heißen Quellen des Landes bereits vor zehntausend Jahren von den Bewohnern Nippons zum Baden genutzt wurden. Bereits die legendären Samurai stiegen vor und nach der Schlacht ins heiße Bad, um göttlichen Beistand für den nächsten Kampf zu erbitten, ihre Wunden zu lecken oder um sich zu stärken.

Das (gemeinsame) Bad ist in Japen eine kulturelle Institution

Die Badekultur in Japan besitzt eine uralte Tradition und weicht von der Westlichen deutlich ab. In Japan stellt das Baden ein Ritual dar, welches ausschließlich der inneren Reinheit sowie der Entspannung dient. Die äußerliche Reinigung tritt dagegen in den Hintergrund. Baden ist für die Japaner weit mehr als Körperpflege und soll den Geist und Körper versöhnen. Duschen gibt es nicht, da diese die Bedingungen für ein erholsames Baden nicht erfüllen.

Sento und Onsen

In Tokio wurde der erste Sento, hierbei handelt es sich um ein traditionelles Badehaus in städtischen Wohnvierteln, im Jahre 1591 erbaut. Forciert wurde die Gründung vieler öffentlicher Badehäuser nicht zuletzt aufgrund der Tatsache, dass die Bewohner früher in ihrem Haus keinen eigenen Wasch- und Badebereich hatten. Der Besuch öffentlicher Bäder gehört zur Badekultur in Japan und folgt ganz bestimmten Regeln. Dabei stellt die geschlossene Teilnahme an einer Badzeremonie, im öffentlichen wie privaten Pool, einen essenziellen Bestandteil im sozialen Gefüge von Arbeitskollegen, Freunden und Familie dar. Teil der Badekultur in Japan ist der regelmäßige Besuch eines Onsen. Hierbei handelt es sich um eine heiße Quelle, die ihr Becken zumeist im Freien hat. Das Wasser stammt somit aus der Natur und wird nicht wie beim Sento aus dem normalen Wassersystem gewonnen und anschließend erhitzt.

Update für die Badekultur

Ein derartiges Sento haben die Schemata Architects in Tokyo kürzlich renoviert. Es handelt sich dabei um das schon lange (1985) existierende „Koganeyu“, ein öffentliches Badehaus. Sie verpasstem dem äußerlich an den Brutalismus erinnernden Bau ein kühnes, erfrischendes Innenleben inklusive einer Bierbar. Um die Funktion des Badehauses im sozialen Bereich der japanischen Kultur und Tradition fortzuführen, beschlossen die Architekten, die alte Größe des Badebereichs beizubehalten und gleichzeitig den verbleibenden Raum in eine attraktive Zone für jüngere Gäste zu verwandeln. Die ursprünglich für die Heißwasserbereitung benutzten Räume, der Lagerbereiche und Maschinenraum heben neue Funktionen wie Bierbar, Sauna und Freiluftbereich übernommen. 

Eine nicht ganz raumhohe Wand trennt der bereich der Frauen von dem, der Männer.

Horizontale Materialachse 

Im Inneren des Badbereiches trennt eine (fast) raumhohe Wand die Zonen für Frauen und Männer, denn die dürfen sich in Japan im Bad nie unbekleidet begegnen. Diese Trennwand reicht genau bis zu einer Höhe von 225 cm über dem Boden, alle Bereiche darunter sind in einem warmen beige Ton gehalten (das soll an den menschlichen Körper erinnern) und verfliest. Über dieser horizontalen Materialachse sind die Gestaltungselemente aus Beton und coolen Farben. Das harmoniert auch mit den sichtbar gelassenen Stahlbetonstrukturen der statischen Konstruktion. Der Fujijama verbindet

Trotz Stahl, coolen Materialien und einer (fast) klinischen Atmosphäre herrscht in der japanischen Badekultur ein reger sozialer Austausch.

Der Künstler Yoriko Hoshi hat über beide (Frauen und Männer) Bereiche des Sento ein „verbindendes“ Wandgemälde des Mount Fuji gestaltet. Auch das ist ein traditionelles Element der japanischen Sentos. Allerdings ist über diese Trennwand hinweg immer die akustische Kommunikation der Familienmitglieder erlaubt und möglich. Ein verchromter Handlauf, der von einer Seite zur anderen führt, vermittelt ebenso das Gefühl einer Verbundenheit beider Seiten.

Und alle verhalten sich ruhig, denn das Badehaus ist ausschließlich zur Erholung gedacht!

Text: Peter Reischer
Fotos: Yurika Kono